Multiples Myelom: Behandlungsoptionen und neue Medikamente

Aktuelle Therapien beim
Multiplen Myelom

In den letzten Jahren wurden bei der Behandlung des Multiplen Myeloms große Fortschritte erzielt. Dank intensiver Forschung stehen heute mehr als doppelt so viele Medikamente zur Verfügung wie noch vor etwa 10 Jahren und weitere befinden sich in der Entwicklung. Dadurch haben sich die Aussichten und die Lebensqualität von Betroffenen deutlich verbessert.6

Fortschritte in der Behandlung des Multiplen Myeloms

Abbildung modifiziert nach Kyle RA, Rajkumer SV 20089

 

 

Das Multiple Myelom wird in der Regel gleichzeitig mit mehreren unterschiedlichen Medikamenten in Form einer Kombinationstherapie behandelt, um den Krankheitsverlauf zu verlangsamen.1 Einige Patienten werden nur mit einem Medikament behandelt, weil sie z.B. eine Kombinationstherapie nicht gut vertragen. Die Art Ihrer Behandlungen hängt letztlich davon ab, in welchem Stadium sich Ihre Erkrankung befindet, welche Beschwerden Sie haben und welche Therapien Sie bereits erhalten haben.1 Ihr Arzt wird sich an den Leitlinien der nationalen und internationalen Fachgesellschaften für die Behandlung des Multiplen Myeloms orientieren, um zu entscheiden, welche Behandlung für Sie am besten geeignet ist. Diese Leitlinien werden von medizinischen Fachgremien erarbeitet und sind von hoher Qualität und medizinischer Zuverlässigkeit (Evidenz).

Wie können Medikamente an den
Myelomzellen wirken?

Forscher haben entdeckt, dass Myelomzellen ganz bestimmte, für sie charakteristische, Eigenschaften besitzen. Beispielsweise weisen Myelomzellen auf ihrer Oberfläche bestimmte Proteine oder Rezeptoren auf, die für das Krebswachstum eine Rolle spielen. Diese Proteine kann man gezielt mit Medikamenten hemmen. Daher nennt man die Medikamente auch Inhibitoren (=Hemmer).1

Aktuelle Zielstrukturen für Medikamente zur Behandlung des Multiplen Myeloms

  • BCMA

    BCMA (B-Zell-Reifungsantigen) ist ein Signalrezeptor, der vorwiegend auf der Oberfläche von reifen B-Zellen (einschließlich der Myelomzellen) zu finden ist. Er fördert das Zellwachstum und schützt die Zellen vor dem Absterben. Das Antikörper-Wirkstoff-Konjugat Belantamab-Mafodotin richtet sich gegen BCMA.

  • CD38

    CD38 ist ein Glykoprotein, das sich auf der Zelloberfläche vieler Immunzellen befindet und das viele immunologische Prozesse beeinflusst. Die monoklonalen Antikörper Daratumumab und Isatuximab sind gegen CD38 gerichtet und werden zur Therapie des multiplen Myeloms eingesetzt.10-12

  • Cereblon

    Für die Wirksamkeit der Substanzgruppe der Immunmodulatoren (IMiDs) wurde das Protein Cereblon (CRBN) als zentraler Übermittler identifiziert. Voraussetzung für die IMiD Wirksamkeit ist die Exprimierung des CRBN Gens. Die Blockierung des Cereblon-Signalwegs kann zur Ausbreitung der gegen den Krebs kämpfenden T-Zellen beitragen. Die IMiDs Pomalidomid, Lenalidomid und Thalidomid zielen auf Cereblon ab.13-16

  • DNA

    Die Desoxyribonukleinsäure (DNA) ist der Träger der Erbinformation in den Zellen, sie bildet die materielle Basis der Gene. Alkylanzien sind Medikamente, die man als Zytostatika bezeichnet. Sie führen Alkylgruppen in die DNA ein und schädigen dadurch die DNA der Krebszellen, so dass sie sich nicht mehr teilen und vermehren können. Leider werden aber auch gesunde Zellen geschädigt. Zur Therapie des Multiplen Myeloms werden Melphalan, Cyclophosphamid und Bendamustin als Zytostatika aus der Gruppe der Alkylanzien eingesetzt.17-20

  • Histon-Deacetylase (HDAC)

    HDAC ist daran beteiligt, Gene in Zellen an- und auszuschalten. HDAC- Inhibitoren – (Inhibitor = Hemmstoff) können das Wachstum der Myelomzellen verlangsamen. Panobinostat ist ein Inhibitor, der gegen HDAC gerichtet ist.1,21

  • Proteasome

    Proteasom-Inhibitoren blockieren die Wirkung von Proteasomen. Dies sind zelluläre Komplexe, die Proteine abbauen und unterschiedliche Proteine hemmen, aus denen die Proteasomen der Zelle gebildet werden. Proteasome entsorgen alte oder schadhafte Proteine in Zellen. Wenn die Aktivität von Proteasomen gehemmt wird, häuft sich der „Protein-Abfall“ in der Zelle an und die Zelle geht zu Grunde. Zu den Proteasom-Hemmern gehören Bortezomib, Carfilzomib sowie Ixazomib.1,22-24

  • SLAMF7

    SLAMF7 ist ein Protein, das sich auf der Oberfläche von Plasmazellen befindet. Der monoklonale Antikörper Elotuzumab richtet sich gegen SLAMF7.10,25

Welche Klassen von Medikamenten
gibt es?

Die Medikamente, die zur Behandlung des Multiplen Myeloms eingesetzt werden, können in verschiedene Wirkstoffklassen eingeteilt werden. Jede dieser Klassen wirkt auf ihre eigene Art und Weise. Es kann sein, dass es innerhalb einer jeden Klasse Medikamente gibt, die mehrere Zielmoleküle als Angriffspunkt haben (siehe oben „Aktuelle Therapien beim Multiplen Myelom“). Nachfolgend finden Sie eine allgemeine Erklärung, welche Wirkungsweise die verschiedenen Behandlungsmethoden beim Multiplen Myelom haben.

  • Antikörper-Wirkstoff-Konjugat

    Ein Antikörper-Wirkstoff-Konjugat besteht aus einem monoklonalen Antikörper (Beschreibung siehe unten), der mit einem Anti-Krebs-Wirkstoff gekoppelt ist. Sobald der Antikörper an die Myelomzelle bindet, wird der Wirkstoff in die Zelle eingeschleust, dort freigesetzt und tötet diese ab. Dadurch und über weitere Mechanismen des Antikörpers wird das Immunsystem zusätzlich aktiviert.

  • Chemotherapie

    Chemotherapeutika zerstören schnell wachsende Zellen, zum Beispiel Krebszellen. Jedoch schädigen sie auch normale Zellen im Körper, die schnell wachsen, wie z.B. die Haarwurzelzellen oder die Knochenmarkzellen.1 Zu den Chemotherapeutika die beim MM eingesetzt werden gehören Melphalan, Cyclophosphamid und Bendamustin.1,17-20

  • Histon-Deacetylase-Hemmer (HDACs)

    In Myelomzellen ist die natürliche Fähigkeit von Zellen, Krebswachstum zu stoppen, ausgeschaltet. HDACs können diese Fähigkeit wieder einschalten und so das Wachstum von Myelomzellen stoppen.1

  • Immunmodulatoren

    Diese Medikamente unterstützen das Immunsystem dabei, Myelomzellen zu bekämpfen.1

  • Kortikosteroide (oder Steroide)

    Steroide reduzieren eine Schwellung und/oder Entzündung und können auch bei der Behandlung von Krebserkrankungen wie dem Multiplen Myelom hilfreich sein. Steroide können zur Behandlung des Multiplen Myeloms allein oder zusammen mit anderen Arzneimitteln angewendet werden.1

  • Monoklonale Antikörper

    Monoklonale Antikörper erkennen Myelomzellen und heften sich an sie an. Dies signalisiert dem Immunsystem, die Myelomzellen zu zerstören.1

  • Proteasom-Hemmer

    Proteasom-Hemmer verhindern, dass Myelomzellen beschädigte oder nicht mehr benötigte Proteine entsorgen können. Wenn dies passiert, lagern sich immer mehr Abfallproteine in der Zelle ab und die Myelomzelle stirbt.1

Behandlungs-stadien und weitere
Therapiemaß-nahmen

Behandlungsstadien und weitere
Therapiemaßnahmen

Die Wahl der Therapie eines Multiplen Myeloms hängt in erster Linie vom Stadium der Erkrankung ab. Dabei muss man berücksichtigen, ob es sich um eine Erstbehandlung oder um die Behandlung eines Rückfalls der Erkrankung handelt. Unterstützende Therapiemaßnahmen (= supportive Therapien) haben das Ziel, einerseits Symptome zu behandeln und zum anderen die Nebenwirkungen der Therapie zu vermeiden, zu unterdrücken oder zu lindern. Die für Ihre konkrete Situation am besten geeignete Behandlungsstrategie, welche die aktive gegen das Tumorwachstum des Multiplen Myeloms gerichtete Therapie und die supportive Therapie umfasst, wird zwischen Ihnen und Ihrem Arzt besprochen werden.

Erstbehandlung

Das Multiple Myelom wird meist mit mehreren Medikamenten gleichzeitig behandelt (= Kombinationstherapie).1 Die Wahl der Medikamente für die Kombinationstherapie und der genaue Ablauf der Behandlung unterscheiden sich, je nachdem, ob eine Hochdosis-Chemotherapie mit Stammzelltransplantation durchgeführt wird oder nicht.

 

Falls eine Hochdosis-Chemotherapie mit Stammzelltransplantation geplant ist, dann werden Sie in der Regel mit einer Kombination aus Proteasom-Hemmer, Immunmodulator und einem Kortisonpräparat behandelt.3 Dieser erste Behandlungsschritt wird als Induktionstherapie bezeichnet. Die Induktion umfasst 4-6 Behandlungszyklen.2 Danach erfolgt die Hochdosis-Chemotherapie mit Stammzelltransplantation. Im Anschluss wird meistens eine weitere Behandlung mit einem Immunmodulator durchgeführt, die als Erhaltungstherapie bezeichnet wird. Das Ziel dieser Erhaltungstherapie ist es, die Krankheit möglichst lange zu stabilisieren.3

 

Falls Ihr Arzt Ihnen mitgeteilt hat, dass die Hochdosis-Chemotherapie mit Stammzelltransplantation nicht die richtige Behandlungsmethode für Sie ist, stehen Ihnen mehrere Medikamente zur Verfügung, um Ihre Erkrankung zurückzudrängen. Üblicherweise erhalten Sie dann eine Kombination aus zwei oder drei Medikamenten, die in der Regel aus einem Proteasom-Hemmer, Immunmodulator und einem Kortisonpräparat besteht.3 Alternativ kann Ihr Arzt auch eine Kombination aus einem Antikörper und einem Immunmodulator oder mit Chemotherapie und einem Kortisonpräparat vorschlagen.26,27 Diese medikamentöse  Behandlung wird so lange wie sie gegen das Multiple Myelom wirkt und Sie sie gut vertragen fortgesetzt.3

Behandlungen beim rezidivierten Multiplen Myelom

Leider kann es vorkommen, dass die Erkrankung nach einer ganzen Zeit der Stabilisierung und des Stillstands unter einer Therapie wieder fortschreitet. Man spricht medizinisch von einem Rezidiv (Rückfall). Das ist natürlich zunächst eine sehr belastende Situation, aber Sie können mutig und aufgeschlossen bleiben, denn auch für diese Situation gibt es eine ganze Reihe von modernen und wirksamen Medikamenten, die man einsetzen kann. In der Regel wird auch das Rezidiv mit mehreren Medikamenten gleichzeitig behandelt. Es können wieder die gleichen Medikamente wie schon bei der Ersttherapie angewendet werden oder aber eine andere Kombination aus zwei oder drei anderen Medikamenten. Neben der Chemotherapie sind dies Proteasom-Inhibitoren, Immunmodulatoren, Antikörper und Kortisonpräparate.3 Auch die Hochdosis-Chemotherapie mit Stammzelltransplantation ist erneut eine Therapiemöglichkeit.3

 

Falls ein Rezidiv sehr früh nach der Erstbehandlung auftritt und Sie sich in einem guten Allgemeinzustand befinden, ist auch die allogene Stammzelltransplantation mit Übertragung von Stammzellen eines Fremdspenders eine mögliche Behandlungsoption.3 Wie bei der autologen Stammzelltransplantation findet auch bei der allogenen Stammzelltransplantation zunächst eine hochdosierte Chemotherapie statt, bei der möglichst alle Myelomzellen zerstört werden sollen. Bei der allogenen Stammzelltransplantation werden Blutstammzellen eines gesunden und immunologisch geeigneten Fremdspenders auf Sie übertragen. Den genauen Ablauf und die Voraussetzungen für diese Art der Stammzelltransplantation erklärt Ihnen gerne Ihr behandelnder Arzt.

Unterstützende
Therapie-maßnahmen
beim rezidivierten
Multiplen Myelom

Unterstützende
Therapiemaßnahmen beim
rezidivierten Multiplen Myelom

Sowohl zur Behandlung der Symptome des Multiplen Myeloms als auch zur Linderung von Nebenwirkungen der Behandlung werden unterstützende Therapiemaßnahmen eingesetzt.1

Beschwerden und begleitende Therapiemaßnahmen beim Multiplen Myelom:

Knochenerkrankung

Zur Behandlung der Knochenerkrankung und von Knochenschmerzen kann Ihnen Ihr Arzt Bisphosphonate, wie Zoledronsäure oder den RANK-Ligand-Inhibitor Denosumab, verordnen. Diese Medikamente sind wirksam gegen Knochenschmerzen, gegen den Knochenverlust und gegen Knochenbrüche. Dadurch kann die Lebensqualität deutlich verbessert werden.28

 

Anämie

Bei der Anämie spricht man umgangssprachlich auch von Blutarmut. Es handelt sich um einen Mangel von roten Blutkörperchen. Um die Anzahl der roten Blutkörperchen zu erhöhen, kann Ihnen Ihr Arzt Erythropoetin-stimulierende Medikamente verordnen. Medikamente wie Darbepoetin alfa oder rekombinantes Erythropoetin (EPO) werden künstlich hergestellt. Sie regen die Bildung roter Blutkörperchen an und wirken so der Anämie entgegen.28

 

Schwere Granulozytopenie

Neutrophile Granulozyten, auch kurz Neutrophile genannt, sind mit einem Anteil von 50–65 % die häufigsten weißen Blutkörperchen (Leukozyten) des Menschen. Sie sind Teil der angeborenen Immunabwehr und dienen der Identifizierung und Zerstörung von Mikroorganismen. Falls die Konzentration der neutrophilen Granulozyten zu stark absinkt, steigt das Risiko von Infektionen. Bei bestimmten Therapien werden daher vorbeugend so genannte Granulozyten-Kolonie stimulierende Wachstumsfaktoren (G-CSF) gegeben, die dem entgegen wirken. G-CSF unterstützt die Neubildung der neutrophilen Granulozyten und verringert das Risiko für eine febrile (fieberhafte) Neutropenie.28

 

Infektionen

Sowohl das Multiple Myelom selbst als auch die Behandlung können Ihre Infektanfälligkeit steigern.  Bei den ersten Anzeichen einer Infektion können nach Einschätzung Ihres behandelnden Arztes Antibiotika verschrieben werden.28